Diözesan-Caritasverband Eichstätt, 25.09.2020

"Krankenpflege auf dem Land ist Karitassache!"

Die Not hat sich verändert, aber es gibt sie

Plötzlich tauchen sie auf: an der Straßenkreuzung, an der Ampel oder vor dem Haus eines Nachbarn. Mit der wuseligen Sicherheit von Menschen, die ihren Weg kennen, werden sie durch den Verkehr gelenkt: die weißen Autos der Caritas-Sozialstationen im Bistum Eichstätt. Gut 300 sind derzeit auf den Straßen der Diözese unterwegs. In kleinen Zirkeln legen sie von Ingolstadt bis Nürnberg, von Wemding bis Neunkirchen gemeinsam jährlich über 4,3 Millionen Kilometer zurück. Ihr Auftrag ist es, alten und kranken Menschen vor Ort ambulante Pflege zu ermöglichen. Im Jahr 2019 besuchten sie ihre 8.282 Patienten über 1,2 Millionen Mal.

Gründungsgeschichte

„Krankenpflege auf dem Land ist Karitassache!“ Davon war schon der Wachenzeller Pfarrer Josef Seitz (1876-1924) vor 100 Jahren überzeugt. Dieser Leitgedanke bewegte ihn im Jahr 1918 dazu, die Gründung des Caritasverbandes für die Diözese Eichstätt e.V. zu initiieren. In einer Zeit, in der es noch kein funktionierendes Gesundheitssystem gab, bedeutete die Gründung des Zentralverbandes einen wichtigen Schritt, um tragende Strukturen zu schaffen. Die Geschäftsstelle in Eichstätt konnte zwar die Probleme in der Fläche nicht lösen, aber sie konnte helfen, „finanzielle Hilfsquellen zu erschließen“. So formulierte es Pfarrer Seitz bei seiner programmatischen Rede auf der Gründungsversammlung am 3. September 1918.

Krankenpflegevereine

Die Werkzeuge der Hilfe sollten im Bistum Eichstätt von Anfang an die örtlichen Krankenpflegevereine sein. Die Organisatoren vor Ort kannten die Bedürftigkeit und konnten Landkrankenschwestern anwerben und für effektive Hilfe sorgen. Der Vinzentius-Verein in Eichstätt machte mit der Anstellung einer ersten Schwester 1885 den Anfang, dann folgten Neumarkt (1895) und Ingolstadt (1896). Nach Pfarrer Seitz‘ Initiative lautete die Bilanz im Jahr 1925 schon „56 Stationen, 93 Schwestern“. Die Zahl von 180 Vereinen im Bistum, die Seitz ursprünglich ins Visier genommen hatte, wurde nie erreicht. Doch darf man es als einen Erfolg verzeichnen, dass nach den vielen gesellschaftlichen und politischen Umbrüchen der vergangenen 100 Jahre heute noch immer 134 Vereine mit 21.835 Mitgliedern existieren. Dies lag vor allem daran, dass der Diözesan-Caritasverband in den 1980er Jahren in über 400 Abendveranstaltungen und mit viel persönlichem Engagement rund 75 weitgehend inaktive Krankenpflegevereine reaktivierte und 70 weitere neugründete. „Krankenpflegevereine in dieser Dichte und Vielzahl als Träger und Förderer der ambulanten häuslichen Pflege - das gibt's meines Wissens so nirgends mehr“, urteilt Dr. Georg Betz, ein Kenner der Materie.

 

Schon 1972 mit (weißem) Auto unterwegs: Schwester Benigna vom Krankenpflegeverein Schernfeld. Foto: Caritas-Archiv

 

Caritas-Sozialstationen

Inzwischen hat sich die Struktur erneut verändert. Heute bieten bistumsweit 16 Caritas-Sozialstationen flächendeckende ambulante Pflege im Wettbewerb mit privaten Anbietern an. Qualitätssicherung und Wirtschaftlichkeit, Personalgewinnung und Verwaltung bestimmen zunehmend den Alltag – Dinge, die ein Verein rein ehrenamtlich nicht mehr leisten könnte. „Wozu brauchen wir also noch die Vereine? Das finanzieren doch die Kassen!“ Seit der Einführung der Pflegeversicherung am 1. August 1995 fragen sich das zunehmend mehr Leute, so dass es für die örtlichen Krankenpflegevereine schwierig wird, Mitglieder zu werben und ehrenamtliche Vorstände zu finden. „Doch, wir brauchen sie!“, bekräftigt die Geschäftsführerin der Sozialstation Gaimersheim, Gerlinde Stark. „Sie sind unsere Verbindungsglieder zu den Menschen, sie sind das Haus, in dem wir arbeiten“, meint sie. Dies gilt umso mehr, da die Krankenpflegevereine eine wichtige Funktion bei der Trägerschaft und Vorstandsbildung der Sozialstationen haben. In ähnlicher Weise urteilt auch Dr. Georg Betz: „Die meist pfarreibezogenen Krankenpflegevereine verschaffen den in doch relativ großem Rahmen agierenden Sozialstationen eine breite Verwurzelung und einen starken Rückhalt an der Basis“. So gehe die alte Legitimierung und Zweckbestimmung der Vereine nicht verloren.

Mitgliedsbeitrag und Spende

Auch finanzielle Gründe sprechen für den Erhalt der Vereine und Mitgliederzahlen. So planen die Krankenpflegevereine der Sozialstation Gaimersheim für den Herbst eine große Werbeaktion. Dafür wurden Flyer erneuert, die im Laufe des nächsten Jahres an alle Haushalte verteilt werden. In Greding gehen von 15 Euro Jahresbeitrag für Familien zehn Euro an die Sozialstation, vier Euro an den Verein und ein Euro an den Diözesan-Caritasverband. „Bei 800 Mitgliedern ist das eine große Summe, mit der unsere Sozialstation gut wirtschaften kann“, erklärt Irene Tratz, Geschäftsführerin der Caritas-Sozialstation in Greding. Sie nutzt das Geld insbesondere für Fortbildungen. Von der Schulung von Alltagsbegleitern bis zur Wundexpertin – vieles werde inzwischen gesetzlich gefordert, aber nicht refinanziert. „Wir brauchen die Vereine – keine Frage!“, bekräftigt auch sie.

Mehrwert für Mitglieder

Dabei ist es den Verantwortlichen wichtig, den Menschen den Mehrwert einer Mitgliedschaft zu vermitteln. Bei vielen Sozialstationen reichen die Vorteile vom kostenlosen Verleih von Pflegehilfsmitteln (Rollstuhl, Rollator oder Gehilfen) bis zum Transport mit speziellen Behindertenfahrzeugen. Die Sozialstationen bieten den Mitgliedern einige Zusatzleistungen, die für Nichtmitglieder kostenpflichtig oder überhaupt nicht möglich sind. Wie vielen ihrer Kollegen liegen Stark und Tratz die Krankenpflegevereine „sehr am Herzen“. Sie wünschen sich ein „lebendiges Miteinander“ und bieten – soweit sie es selbst leisten können – den ehrenamtlichen Vorständen Hilfe in der immer komplizierter werdenden Vereinsverwaltung. Eine gute und menschliche ambulante Versorgung der Menschen unter dem Motto der Caritas-Herbstsammlung „Liebe heilt“ sicherzustellen, ist ihnen wichtig. „Die Not hat sich verändert, aber es gibt Not“, sagt Tratz. Sie verweist auf alte Menschen in riesigen Häusern und zunehmender Vereinsamung. „Es ist unser Auftrag, uns nicht zurückzuziehen. Wir brauchen die Solidarität. Pflege kann jeden treffen – jederzeit.“

Dr. Andrea Schödl

 

Ein typisches Beispiel: Jährlich pflegen im Bistum über 900 ambulante Krankenschwestern mehr als 8.000 Patienten zu Hause. Foto: Michael Thiermeyer

 

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