Diözesan-Caritasverband Eichstätt, 19.10.2018

Projekt "Mein Wohnraum" trägt Früchte

Bei Fachtag der Caritas Wohnungslosigkeit diskutiert

Das Projekt „Mein Wohnraum“ bei den Caritas-Wohnheimen und Werkstätten Ingolstadt wird höchstwahrscheinlich für weitere zwei Jahre bis Ende 2020 vom Europäischen Hilfsfonds für die am stärksten benachteiligten Personen (EHAP) gefördert. Dies hat der Leiter der Einrichtung, Michael Rinnagl, gestern bei einem Fachtag über dieses Projekt im Caritas-Wohnheim St. Alfons in Ingolstadt mitgeteilt. An der Veranstaltung nahmen über 50 Verantwortliche und Mitarbeitende aus sozialen Organisationen, Behörden und Sozialpolitik teil. Thema war auch die allgemeine kritische Wohnungssituation, zu der die Caritas in ganz Deutschland heuer die Jahreskampagne „Jeder Mensch braucht ein Zuhause“ durchführt. Zudem wurde die spezielle Problematik  „Frauen in der Wohnungslosenhilfe“ in den Blickpunkt gerückt.

Vielfach Wohnraum gesichert

Rinnagl erinnerte daran, dass das Projekt „Mein Wohnraum“ Anfang 2016 gestartet wurde, um präventive Arbeit in der Wohnungslosenhilfe zu verbessern. Die Caritas-Wohnheime und Werkstätten führen es in einem Verbund mit dem Caritasverband für Stadt und Landkreis Passau und der von der Diakonie getragenen Herzogsägmühle in der Stadt Landsberg und drei angrenzenden Landkreisen mit jeweils einer Vollzeitstelle durch. In Ingolstadt wurden nach Mitteilung der dortigen EHAP-Beraterin Christa Hamela in den ersten beiden Jahren 2016 und 2017 277 Menschen erreicht: 104 Wohnungslose und 173, denen Wohnungslosigkeit drohte. Insgesamt sei die Beratungsarbeit in über Dreiviertel aller Fälle zumindest in irgendeiner Weise erfolgreich gewesen, indem Betroffene „ins Hilfesystem eingebunden worden sind“: zum Beispiel durch weiterführende Hilfen in der Sucht- oder Schuldnerberatung. „Und speziell bei den 173 Bedrohten konnten wir in 90 Prozent der Fälle den Wohnraum sichern, indem etwa Kündigungen und Räumungsklagen verhindert wurden“, so die Caritas-Sozialberaterin.

Ähnliche positive Erfahrungen mit ihrer Arbeit machten die EHAP-Beraterinnen in den beiden Partnerprojekten. Ausschlaggebend für den Erfolg ist Hamela zufolge der niederschwellige und aufsuchende Hilfeansatz, also „dass man die Betroffenen an die Hand nimmt“. Sie macht daher neben ihrer Beratungsarbeit in der Caritaseinrichtung auch Hausbesuche und begleitet immer wieder Betroffene zu Vermietern und Gerichten. Ingolstadts Sozialreferent Wolfgang Scheuer bezeichnete denn auch das Projekt als „wertvolle Ergänzung bestehender Angebote“. Rinnagl und Hamela hoffen, dass die Beratungsarbeit ab dem Jahr 2021 zumindest teilweise von der Stadt Ingolstadt finanziert wird.

Dass Hilfestrukturen vor Ort dies leisten sollen, dafür sprach sich bei der Tagung der Vorsitzende des Fachverbandes Evangelische Wohnungslosen- und Straffälligenhilfe in Bayern, Andreas Kurz, aus. Er sagte, dass die EU-Gelder im östlichen und südlichen Europa noch dringender benötigt würden, in denen es nicht so eine gute Wirtschaftslage wie in Bayern gebe. „Durch den EHAP wird in den Kommunen Geld gespart“, erklärte Kurz deutlich und ergänzte entsprechend mit Blick auf den Ablauf der nächsten Periode der Förderung durch den EHAP und das Bundesministerium für Arbeit und Soziales Ende 2020: „Ich hoffe, dass diese Arbeit dann in einer Regelstelle weitergeführt werden kann.“ Grundsätzlich legte Jörn Scheuermann, Koordinator der Wohnungslosenhilfe Südbayern, mit einem Vortrag „Wohnungsnotfälle – Demokratie in der Krise?“ den Finger in die Wunde. Liberalisierung, Deregulierung und Privatisierung haben nach seinen Worten „die massive Steigerung der Mieten und Verknappung des Wohnraums vor allem im unteren Preissegment“ ermöglicht. Diese Entwicklung fördere eine zunehmende Ungleichheit, die wiederum die Demokratie destabilisiere und Rechtsextremismus begünstige. Es sei an der Zeit, „eine Wohnungsgemeinnützigkeit zu beschließen, hin zu Maßnahmen preiswerten Wohnens“.

Frauen besonders belastet

Über „das weibliche Gesicht der Wohnungslosigkeit“ informierte die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Ingolstadt, Barbara Deimel. Fast ein Drittel der wohnungslosen Menschen in Deutschland seien offiziell Frauen, „jedoch gibt es eine hohe Dunkelziffer in verdeckter Wohnungslosigkeit“, so Deimel. Betroffene lebten weniger häufig als Männer „auf der Straße“. Doch vor allem Allleinerziehende seien besonderen Belastungen in oft nicht familien- und kindgerechten Notunterkünften ausgesetzt. Viele hätten häusliche Gewalt, Trennung oder Scheidung und familiäre Konflikte erlebt, ihr Alltagsleben werde vor allem von Angst geprägt und viele fühlten sich „beschämt, vergessen und entmündigt“. Neben speziellen Hilfen bei der Suche einer angemessenen Wohnung bräuchten diese Frauen daher vor allem psychische Beratung.

Maria Tripolt vom Sozialdienst katholischer Frauen beleuchtete bei der Diskussion über Frauen in der Wohnungslosenhilfe die nochmals gravierendere Situation Betroffener, die schwanger sind. Wenn grundlegende Fragen wie die des Wohnraums nicht geklärt sind, führe dies zu Belastungen, „die Früh- oder auch Fehlgeburten begünstigen oder auch die Gesundheit des Kindes beeinträchtigen können“. Die Leiterin des Ingolstädter Frauenhauses, Andrea Schlicht, informierte, dass viele Hilfesuchende bei ihr die vom Gewaltschutzgesetz her gegebene Möglichkeit einer Wohnungszuweisung nicht in Anspruch nehmen möchten: unter anderem, weil sie sich dann nicht sicher fühlen würden. Christa Hamela hat hingegen in ihrer Beratung „Mein Wohnraum“ vor kurzem eine alleinstehende Frau erlebt, die ihr angesichts der Aussichtlosigkeit auf dem Wohnungsmarkt sagte: „Ich suche jetzt keine Wohnung mehr, sondern einen Mann.“ Dies berge freilich „die Gefahr, in eine emotionale und finanzielle Abhängigkeit zu geraten“, so die Caritasmitarbeiterin. Barbara Deimel erklärte, sie wolle die Impulse aus der Diskussion im Gleichstellungsbeirat der Stadt Ingolstadt einbringen.

 

 

Über Frauen in der Wohnungslosenhilfe diskutierten die Sozialberaterinnen Andrea Schlicht,  Elke Hederer, Christa Hamela, Maria Tripolt, Susanne Walter und Sabine Weiß (von links).
Foto: Caritas/Esser

 

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