Diözesan-Caritasverband Eichstätt, 20.07.2017

"Einfach gegen die Wände fallen lassen"

Caritasstiftung fördert weiteren "Tobe- und Relaxraum" im Kinderdorf

Einen zweiten Tobe- und Relaxraum gibt es demnächst im Caritas-Kinderdorf Marienstein. Die Caritasstiftung Eichstätt finanziert Montage und Material mit 10.500 Euro für die Kinder der intensivpädagogischen Wohngruppe „Spielhof“. Der Stiftungsvorsitzende Caritasdirektor Franz Mattes und Geschäftsführer Johann Baumgartner haben sich den bereits seit Anfang des Jahres bestehenden Raum dieser Art für die Wohngruppe Möhrenbach angeschaut. Er wurde aus Mitteln des Diözesan-Caritasverbandes gefördert. 

Auf dem „Chillsofa“ im „Weichi“

„Hier ist hundert Prozent Weichi“, steht an der Tür zu dem zehn Quadratmeter großen und zwei Meter hohen Zimmer in der Wohngruppe Möhrenbach, das mit einem umlaufenden Mattensystem ausgestattet ist. „Weichi“ haben es die Kinder nicht von ungefähr genannt. „Das ist wirklich so: Das Weiche und Kuschelige hier nimmt einen gleich in Besitz“, meint Johann Baumgartner. Der Stiftungsgeschäftsführer und -Vorsitzender Franz Mattes lassen es sich nehmen, selbst für einen Moment Entspannung in dem Raum zu suchen und einige Kinder zu deren Freude persönlich zu massieren. Denn auf den Weichmatten finden sich Massagebälle sowie Schaumstoffklötze- und -würfel, die auf unterschiedlichste Weise zum „Relaxen“ einladen: Während der achtjährige Jonas sich daraus ein Raumschiff baut, stellt sich sein ebenso alter Mitbewohner Leon ein „Chillsofa“ zusammen. Zur Entspannung trägt bei, dass der Raum trotz seiner Auspolsterung rundherum aufgrund seiner ausgewählten gelben Farbgebung hell und attraktiv wirkt.

In den beiden intensivpädagogischen Wohngruppen Möhrenbach und Spielhof leben Kinder und Jugendliche, die intensiver begleitet und gefördert werden müssen, als dies in einer üblichen heilpädagogischen Gruppe im Kinderdorf möglich ist. Es sind junge Menschen im Alter zwischen sechs und 14 Jahren, deren Persönlichkeit durch unterschiedliche Symptome sowie Verhaltensauffälligkeiten beeinträchtigt ist: zum Beispiel durch problematische Entwicklungen in der Familie oder im sozialen Umfeld, Bindungs- und Beziehungsstörungen oder stark impulsiv gesteuertes Verhalten.

Schutz für Kinder mit besonderen Problemen 

Für diese Kinder und Jugendlichen spielen erlebnispädagogische Methoden sowie gesundheits- und handlungsorientierte Angebote eine besonders wichtige Rolle. Es geht darum, „ihnen die Möglichkeit zu geben, Entwicklungsschritte nachzuholen, traumatische Erfahrungen zu bearbeiten und sie emotional so zu stabilisieren, dass ihnen eine konfliktfreie Teilhabe am sozialen Leben wieder möglich wird“, beschreibt die Leiterin des Kinderdorfes, Brigitte Radeljic-Jakic, das Grundziel. Das Konzept der intensivpädagogischen Wohngruppe sieht nach den Worten der Sozialpädagogin vor, „den Kindern und Jugendlichen korrigierende Lernfelder und heilende Beziehungsangebote sowie einen geschützten Raum für Entwicklungen zu geben, Defizite wie fehlende Selbst-und Fremdwahrnehmung oder vermindertes Durchhaltevermögen abbauen zu können und gleichzeitig deren Fähigkeiten und seelisches Wohlbefinden zu stärken“.

Und dazu ist der Tobe- und Relaxaum nach Beobachtung ihrer Mitarbeiterinnen bestens geeignet. Gerade aufgrund seiner Begrenzung gibt er laut Martina Laufer-Huber, Psychologin und Fachberaterin der Gruppe Möhrenbach, den Kindern Schutz, Geborgenheit und Sicherheit. Auch wenn sie wild toben, besteht keine Verletzungsgefahr. „Wenn die Gefühle mal überschießen, können sie sich durch den Raum einfach wieder besser regulieren“, stellt die Caritasmitarbeiterin immer wieder fest. „Wenn wir mal so richtig wütend sind, zum Beispiel beim Essen ausrasten und es im Zimmer noch schlechter klappt, dann kommen wir hierher“, bestätigt dies Jonas mit seinen Worten. Begeistert erzählt er, wie er sich mit einem Freund zuletzt immer wieder gerne „einfach gegen die Wände fallen lassen“ hat. Andere bolzen lieber einen kleinen Fußball von einer Wand zur anderen.

Auch weniger Sachschäden

Gruppenleiter Steffen Benz kann den für die Verantwortlichen menschlich und erzieherisch gar nicht hoch genug einzuschätzenden Erfolg des Projektes auch anders ganz konkret feststellen: Früher sei durch „das sehr hohe motorische Bewegungsbedürfnis“ der oft erregten Kinder  immer wieder bei einem Kick oder Schlag eine Lampe vor dem Zimmer zu Bruch gekommen.  „Doch seit der Tobe- und Relaxraum da ist, steht die gleiche Lampe ziemlich unversehrt da“, freut er sich, dass es jetzt auch zu weniger Sachschäden komme. Benz und die Mitarbeitenden  in der Gruppe führen mit den sechs Kindern der Wohngruppe in dem Zimmer auch Workshops wie Fantasiereisen und andere Entspannungsübungen durch, etwa mit einer Klangschale. Die jungen Bewohner können es aber auch ganz spontan aufsuchen: „für beides, auf der einen Seite das Ausagieren und auf der anderen das Entspannen“, betont der Erzieher die Doppelfunktion des Tobe- und Relaxraumes. 

„Man merkt, dass das den Kindern hier guttut, und daher ist es doch sinnvoll, dass man hierfür Geld ausgibt“, erklärt Caritasdirektor Franz Mattes am Ende seines Besuches. „Wir freuen uns sehr darauf, jetzt auch einen solchen Raum zu bekommen“, sagt Erzieherin Heike Frank, Leiterin der intensivpädagogischen Wohngruppe Spielhof. Auch hier werden die sechs Kinder befragt,  wie ihr Raum heißen soll. „Weichi 2“ wurde spontan vorgeschlagen. Vielleicht fällt ihnen aber auch noch ein anderer Name ein, wenn sie in ihm toben und relaxen.

Peter Esser

 

Im Alltag „verwöhnen“ im Relax- und Toberaum „Weichi“ unter anderem die Erzieherinnen Katja Strauß (links) und Viktoria Schneider die Kinder der intensivpädagogischen Wohngruppe Möhrenbach.

 

Beim Besuch von Caritasdirektor Franz Mattes (links) und Johann Baumgartner im Kinderdorf  genossen es die jungen Bewohner der Einrichtung, von den Verantwortlichen der Caritasstiftung persönlich massiert zu werden.

Weitere Infos zu diesen Themen: